Jesus Christus spricht: Ich bin der Weinstock,

ihr seid die Reben.

Johannes 15,5

 

Gedanken zum dritten Sonntag in der österlichen Freudenzeit

(Jubilate, 3.5.2020)

Liebe Mitglieder unserer Kirchgemeinde, liebe Schwestern und Brüder im Herrn,

liebe Freunde nah und fern,

Heute, am Sonntag Jubilate, möchte ich Euch erst einmal auf eine kleine Reise mitnehmen. Auf eine virtuelle Reise natürlich. Denn nach wie vor bleiben wir, auch nach der neuen Coronaschutzverordnung aufgefordert, auf private Reisen, Ausflüge und Besuche zu verzichten.

In Gedanken geht es also jetzt nach Südbaden in den Kaiserstuhl, einem der wärmsten Gebiete Deutschlands. Ein wunderbares Anbaugebiet für Obst, Gemüse und Wein. Die vielen Sonnentage und die wunderbaren klimatischen Bedingungen sorgen dafür. Im Frühjahr gibt es schöne saftige Erdbeeren und frischen leckeren Spargel. Und im Herbst hängen die Weinreben voller Weintrauben. Daraus wird dann in den vielen kleinen und großen Winzerbetrieben guter Wein gemacht. Davon ist jetzt im Mai allerdings noch nicht viel zu sehen. Aber bei einem kleinen Spaziergang durch die Weinberge kann man doch schon so einiges entdecken. Die ersten Triebe an den Weinstöcken brechen hervor und suchen Halt am Spalier. Im Winter hat der Winzer das tote Holz vom Vorjahr abgeschnitten. Jeder Zweig ist bis auf ein Minimum eingekürzt. fast unscheinbar wirken die Reben. Noch ahnt man nur, welche Kraft sich hier entfalten wird. Die saftigen Trauben, die Süße, die Würze, davon ist jetzt noch nichts zu sehen. Auch das Wurzelwerk unter der Erde bleibt unseren Augen verborgen. Tief reicht es hinunter in den zumeist vulkanischen Boden. Ein alter knorriger Weinstock kann dabei schon mal bis zu zwanzig Meter in die Tiefe gehen. Über seine Wurzeln ernährt sich der Weinstock. Er nimmt Mineralstoffe aus den verborgenen Gesteinsschichten auf. Ein Wunderwerk der Natur. Ein großes Wunder der göttlichen Schöpfung. Der Weinstock ist von der Wurzel bis zur letzten Rebe ein wahres Kraftwerk.

Dieses Bild vom Weinstock und seinen Reben greift Jesus in einem seiner so genannten „Ich- bin- Worte“ im Johannesevangelium auf: „Ich bin der wahre Weinstock und mein Vater der Weingärtner. Eine jede Rebe an mir, die keine Frucht bringt, nimmt er weg; und eine jede, die Frucht bringt, reinigt er, dass sie mehr Frucht bringe. Ihr seid schon rein um des Wortes willen, das ich zu euch geredet habe. Bleibt in mir und ich in euch. Wie die Rebe keine Frucht bringen kann aus sich selbst, wenn sie nicht am Weinstock bleibt, so auch ihr nicht, wenn ihr nicht an mir bleibt. Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht; denn ohne mich könnt ihr nichts tun. Wer nicht in mir bleibt, der wird weggeworfen wie eine Rebe und verdorrt, und man sammelt die Reben und wirft sie ins Feuer, und sie verbrennen. Wenn ihr in mir bleibt und meine Worte in euch bleiben, werdet ihr bitten, was ihr wollt, und es wird euch widerfahren. Darin wird mein Vater verherrlicht, dass ihr viel Frucht bringt und werdet meine Jünger.“

Ein großer und wunderbarer Text in der Bibel. Das Bild vom Weinstock und den Reben ist vielen von uns seit Kindesbeinen an bekannt und vertraut. Es beinhaltet so unheimlich viel. Es hat eine ganz großartige und wunderbare Botschaft für uns. Jesus sagt, dass er der Weinstock ist. Wir, die wir an ihn glauben und ihm nachfolgen, sind die Reben. Das bedeutet, dass wir mit unserem auferstandenen und lebendigen Herrn ganz fest verbunden sind, ja verbunden bleiben sollen. Von ihm gehen alle Wachstumskräfte aus und fließen in uns hinein. In dem kleinen Heft „Ein besonderes Geschenk. Vom Wein in der Bibel“ lesen wir dazu: „Nur eine Rebe, die am Weinstock bleibt, kann auch Frucht bringen. Sie wird vom Weinstock ernährt und vor dem Austrocknen und Absterben bewahrt. Es ist die Beschreibung eines lebendigen Prozesses, der uns vor Augen führt, dass wir nicht aus uns selbst heraus leben. Wir brauchen solche organischen Beziehungen wie das Kind seine Mutter, wie die Reben den Weinstock, wie der Mensch seinen Schöpfer. Wir leben davon, dass uns Kraft geschenkt, Mut zugesprochen, Liebe gegeben, Vertrauen entgegengebracht wird und uns Vergebung widerfährt. Und als Frucht können wir anderen das Gleiche entgegenbringen.“     

„Jesus spricht: Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht; denn ohne mich könnt ihr nichts tun.“ Jesus ist der wahre Weinstock. Bei ihm bekommen wir all das, was wir wirklich brauchen. Aus seiner Quelle können wir schöpfen. Er versorgt uns mit der notwendigen Lebenskraft und Stärke. Bei ihm finden wir Halt und Geborgenheit. Nur so können wir unseren Weg gehen, mit fester Gewissheit uns getroster Hoffnung, mit Mut und Zuversicht, ja manchmal auch mit heiterer Gelassenheit. An ihm, dem Weinstock, können wir im Glauben wachsen, uns entfalten und auch Frucht bringen.

Deshalb ist es wichtig, fest mit ihm verbunden zu sein, bei ihm zu bleiben. Sich allein auf die eigene Kraft und Tüchtigkeit zu verlassen, das geht irgendwann schief. Allein auf die eigene Stärke, die eigenen Möglichkeiten und Fähigkeiten vertrauen, das funktioniert nur in sehr begrenztem Maße. Und ganz verhängnisvoll wäre es, sich total von der Wurzel zu trennen, um auf eigenen Füßen zu stehen. Gerade jetzt spüren wir das auf besonders drastische Weise. Es liegt eben nicht alles in unserer Hand. Wir sind eben nicht die Macher und Bewahrer für die wir uns gerne halten. Es geht eben nicht immer schneller, höher, weiter. Unsere Kräfte und Möglichkeiten sind begrenzt. Unsere Anstrengungen und Bemühungen helfen nur zum Teil. In der momentanen Coronakrise merken wir das sehr deutlich.

Binnen weniger Wochen hat sich so vieles radikal verändert, unser Leben, unser Alltag, unser Miteinander, auch das kirchliche Gemeindeleben. Wir müssen Abstand halten, mit Einschränkungen leben, Hygienevorschriften beachten und Schutzmasken tragen. Wir können uns nicht treffen und einander nicht besuchen. Normalität sieht anders aus. Vieles gerät ins Wanken, ist brüchig geworden. Sicherheiten lösen sich auf. Was gestern noch fest und unerschütterlich schien, beginnt zu wackeln und droht einzustürzen. Der Boden entgleitet uns unter den Füßen. Viele Fragen stehen im Raum. Sorgen treiben uns um, ganz persönliche und wirtschaftliche. Existentielle Ängste nehmen zu.

Wir spüren auf einmal wieder, wie begrenzt unsere Möglichkeiten doch sind, wie bedroht unser Leben doch ist, wie so ein kleines, kaum sichtbares Virus solch eine verheerende Wirkung entfalten kann. Deshalb brauchen wir etwas Festes und Haltbares, etwas Beständiges und Bleibendes.

Wir brauchen einen Halt, der tiefer geht, der auch in Krisenzeiten Standfestigkeit gibt.

Wir brauchen eine Quelle, aus der wir schöpfen können. Die nicht versiegt, sondern auch in Notzeiten Kraft und Stärke geben kann.

Wir brauchen einen Energiespender, der uns mit Mut, Hoffnung und Zuversicht versorgt, wenn die Fragen und Zweifel zunehmen.

Wir brauchen etwas, das stärker ist als Corona, als all unsere Sorgen und Ängste.

Wir brauchen etwas, was uns wirklich trägt, wenn uns der Boden unter den Füßen wegrutscht.

Wir brauchen Licht und Klarheit, damit wir auch Dunkeln den Weg finden und uns die Orientierung nicht verloren geht.

Wir brauchen die feste Verbindung zum Weinstock, zu unserem auferstandenen und lebendigen Herrn.

Das ist ganz wichtig. „Alle Kraft der Pflanze muss in die Frucht.“ So sagen es die Winzer, wenn sie im Winter die Weinrebe beschneiden. Die tiefe Wurzel und der gewaltige Druck bringen den Saft erst in die Reben, dann in die Blätter und schließlich in die Früchte. So ist es auch mit unserem Glauben an Jesus Christus, mit unserem Dranbleiben an ihm, dem wahren Weinstock. Das sind unser Kraftwerk, unsere Quelle, unser Energiespender, unser Halt. Dranbleiben an Jesus Christus, an seinem Wort, am Gebet. Und wo die Verbindung in Ordnung ist, wo die Rebe fest am Weinstock bleibt, da kann sie wachsen und Frucht bringen. Jede Rebe wird auf ihre Art und Weise Frucht in dieser Welt bringen, mit ihren je eigenen Fähigkeiten und Möglichkeiten, jede und jeder so wie er oder sie es kann.

Gerade jetzt in dieser extremen Ausnahmesituation der Coronakrise gibt es da ganz bestimmt eine Menge an Möglichkeiten, für andere Frucht zu bringen. Tun wir es doch auch! Bleiben wir ganz fest mit Jesus Christus, dem wahren Weinstock verbunden. Nur so bekommen wir all das, was zum Leben und Glauben wirklich notwendig ist. „Jesus spricht: Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht; denn ohne mich könnt ihr nichts tun.“ Ich wünsche uns miteinander, dass wir mit dem wahren Weinstock ganz fest verbunden bleiben. Dass wir von Christus unsere Nahrung und Energie beziehen. Dass wir täglich aus seiner Quelle schöpfen. Dass wir Kraft, Stärke und Hilfe allein von ihm erwarten – für den Glauben und alle Situationen unseres Lebens. Dass wir uns in allem nur auf ihn verlassen. Und das wir dann auch Frucht bringen. So wollen wir mit dem Liederdichter Philipp Spitta bekennen: „Bei dir, Jesu, will ich bleiben, stets in deinem Dienste stehn; nichts soll mich von dir vertreiben, will auf deinen Wegen gehn. Du bist meines Lebens Leben, meiner Seele Trieb und Kraft, wie der Weinstock seinen Reben zuströmt Kraft und Lebenssaft.“ 

Bleiben Sie alle behütet, gesund und gesegnet.

Es grüßt Sie und Euch herzlich

Pfr. Michael Goll

Gedanken zum zweiten Sonntag in der österlichen Freudenzeit

(Miserikordias Domini, 26.4.2020)

Liebe Mitglieder unserer Kirchgemeinde, liebe Schwestern und Brüder im Herrn,

Wir feiern den zweiten Sonntag in der österlichen Freudenzeit. Es ist der Sonntag vom guten Hirten. „Misericordias Domini“ heißt er auf Latein und bedeutet übersetzt: „Die Barmherzigkeit des Herrn“. Gerade jetzt inmitten der Coronakrise, wo sich in kurzer Zeit alles so stark verändert hat, unser Leben, die Gesellschaft, das Miteinander, wo vieles unsicher und brüchig geworden ist, wo existentielle Ängste und Fragen uns beschäftigen, wo der Blick sorgenvoll nach vorn geht, gerade jetzt ist es gut zu wissen, dass wir einen guten Hirten haben.

Einen, der stärker ist als alles. Einen, dem wir vertrauen können, der für uns sorgt, dem wir am Herzen liegen. Einen, der ganz nah bei uns ist, der unsere Wege mitgeht. Einen, der uns beim Namen ruft, der weiß, was wir brauchen, was gut für uns ist. Einen, der uns festhält und uns auch durch dunkle Täler und notvolle Zeiten hindurchführt. Ja, es ist gut, einen guten Hirten zu haben, sich ihm anzuvertrauen. Wir können ihm unser Lob und unseren Dank bringen, unsere Freude mit ihm teilen. Wir dürfen ihm unser Leid und unsere Not klagen. Wir können ihm alles hinlegen, was uns belastet und beschwert, was uns Angst macht und Sorge bereitet. Wir dürfen ihn um Kraft und Stärke bitten, um Hoffnung und Zuversicht. Wir können Hilfe und Heilung von ihm erflehen.

Der gute Hirte lässt uns nicht im Stich. Daran können wir glauben. Darauf dürfen wir vertrauen. Davon schreibt auch die christliche Lyrikerin Käte Walter: „Einer ist dir nahe, wo du immer bist, dessen Aug dich leitet, der dich nie vergisst. Einer kennt dein Sehnen, alle deine Pein, weiß um deine Tränen und dein Einsamsein. Einer hilft dir tragen alle deine Last, hält an allen Tagen dich in Lieb umfasst. Ihm kannst du vertrauen in der größten Not, der für uns besiegte Finsternis und Tod. Nie trägst du vergebens zu ihm all dein Leid. Segen hat dein Heiland stets für dich bereit.“

Und heute, am Hirtensonntag, hören wir nun auch ein Hirtenwort von unserem guten Hirten. Aufgeschrieben ist es im Johannesevangelium: „Jesus Christus spricht: Ich bin der gute Hirte und kenne die Meinen und die Meinen kennen mich, wie mich mein Vater kennt; und ich kenne den Vater. Und ich lasse mein Leben für die Schafe. Meine Schafe hören meine Stimme, und ich kenne sie und sie folgen mir; und ich gebe ihnen das ewige Leben, und sie werden nimmermehr umkommen, und niemand wird sie aus meiner Hand reißen.“

Stark und kräftig ist es, dieses Hirtenwort unseres auferstandenen und lebendigen Herrn, einladend und hilfreich zugleich. Es strahlt Hoffnung aus, macht Mut, gibt Zuversicht. Ein Wort, das wir brauchen, gerade heute! Gerade jetzt, auf dem Weg durch eine neue Woche! Gerade jetzt auf dem Weg durch diese notvolle Zeit der Coronakrise, auf dem Weg hinein in eine so unsichere Zukunft. Wir sind nicht allein! Jesus Christus ist unser guter Hirte. Er ist bei uns, immer und überall. Er weicht nicht von unserer Seite. Niemals lässt er uns im Stich. Auf allen Wegen geht er mit uns. Egal ob sie hinauf auf aussichtreiche Höhen führen oder durch enge und finstere Täler. Egal ob die Sonne scheint oder Wolken am Himmel aufziehen. Auch in Zeiten von Leid, Not und Krankheit ist er bei uns. In jeder nur erdenklichen Situation ist uns der gute mit seiner Hilfe und seinem Beistand nahe. Seine segnenden und schützenden Hände hält er über uns. Wenn wir stolpern und hinfallen, reicht er uns seine Hand, damit wir wieder aufstehen können. Er führt uns zu den Quellen des Lebens, zu den grünen und saftigen Weiden seines heilenden, stärkenden und erfrischenden Wortes. Er kennt die Orte, wo wir zur Ruhe kommen können, wo wir sicher und geborgen sind. Er tröstet uns, wenn wir traurig, verteidigt uns, wenn andere über uns herfallen oder uns Böses wollen. Er stärkt uns, unseren Glauben und unser Vertrauen, immer wieder. An keinem Ort, zu keiner Zeit sind wir allein oder verlassen. Immer ist der gute Hirte bei uns. Er kennt uns, jeden ganz persönlich, den Namen und die sich dahinter verbergende Lebensgeschichte. Er weiß, was wir brauchen, was gut und wichtig für uns ist. Wir liegen ihm am Herzen, sind ihm wichtig und wertvoll.

Der gute Hirte will das Beste für uns. Jedem will er ganz nahe sein, an jedem neuen Tag, auf allen Wegen. Wunderbar ist das, einfach großartig und wunderbar! Der gute Hirte will uns Heilung und Erlösung schenken. Bei ihm gibt es erfülltes und sinnvolles Leben. Und er stellt uns ein wunderbares Ziel in Aussicht. Dorthin will er uns führen. Der gute Hirte ist immer für uns da, auch und gerade jetzt in dieser Krisenzeit der Coronapandemie. Er lässt uns nicht allein. Wir dürfen uns ihm anvertrauen, seine Hand ergreifen, Hilfe und Beistand von ihm erflehen, seinen Schutz und Segen erbitten. Tun wir es doch! Es lohnt sich! Ganz bestimmt! Nichts und niemand können und werden uns aus der Hand des guten Hirten reißen. Glauben wir daran! Vertrauen wir darauf! Der gute Hirte möchte nicht, dass unsere Wege irgendwo in einer Sackgasse enden, dass uns die Schritte zu mühsam und die Lasten zu schwer werden, dass uns Halt und Orientierung fehlen. Er möchte nicht, dass wir das Ziel aus dem Blick verlieren.

Der gute Hirte möchte nicht, dass uns die schlechten Meldungen und Negativschlagzeilen dieser Tage herunterziehen. Er möchte nicht, dass wir in den dunklen Löchern von Ängsten, Nöten, Sorgen und Verzweiflungen stecken bleiben und die Sonne am Himmel nicht mehr sehen. Er möchte nicht, dass uns gerade jetzt in dieser Zeit die Hoffnung und Zuversicht abhanden kommt oder wir nur noch wie gelähmt auf das Coronavirus starren wie das Kaninchen auf die Schlange. Er möchte nicht, dass wir den Kopf in den Sand stecken, den Mut verlieren und alles nur noch schwarz sehen.

Auch in den Krisen soll das Leben lebenswert bleiben, sollen der Glaube und das Vertrauen fest stehen, uns stärken und uns tragen. Auch in notvollen Zeiten sollen Sinn und Erfüllung erhalten bleiben. Auch in dunklen Momenten soll das Licht nicht verlöschen. Auch in Ausnahmesituationen soll uns keine Panik ergreifen, sollen Hoffnung und Zuversicht nicht klein geredet werden. Denn wir sind ja nicht allein! Der gute Hirte Jesus Christus ist immer und überall bei uns!

Er kennt die Tiefen des Lebens, die Zeiten von Anfechtung und Verzweiflung, Nächte voller Ängste, die notvollen Abgründe, in die man geraten kann. Leid und Schmerzen sind ihm nicht fremd. Sogar den Tod hat er erlitten. Deshalb ist uns der gute Hirte so nahe. Deshalb dürfen wir ihm vertrauen, uns ihm anvertrauen. Besonders auch in den Tiefen und dunklen Schluchten, in Krisenzeiten und Ausnahmesituationen. Weil er weiß, wie sich das alles anfühlt. Weil er es selbst erlebt, ja erlitten hat. Weil er für uns am Kreuz gestorben ist. Er hat sein Leben für uns gegeben. „Der gute Hirte lässt sein Leben für die Schafe.“ Und zu Ostern ist er auferstanden und hat damit eine neue, eine lebendige, eine unverlierbare Hoffnung begründet. Wir haben einen guten Hirten. Was brauchen wir mehr.

Nun aber sind wir auch eingeladen, den Spuren des guten Hirten zu folgen. Im 1. Petrusbrief heißt es dazu:   „Denn dazu seid ihr berufen, da auch Christus gelitten hat für euch und euch ein Vorbild hinterlassen, dass ihr sollt nachfolgen seinen Fußstapfen; er, der keine Sünde getan hat und in dessen Mund sich kein Betrug fand; der, als er geschmäht wurde, die Schmähung nicht erwiderte, nicht drohte, als er litt, es aber dem anheimstellte, der gerecht richtet; der unsre Sünden selbst hinaufgetragen hat an seinem Leibe auf das Holz, damit wir, den Sünden abgestorben, der Gerechtigkeit leben. Durch seine Wunden seid ihr heil geworden. Denn ihr wart wie irrende Schafe; aber ihr seid nun umgekehrt zu dem Hirten und Bischof eurer Seelen.“

Jesus, unser guter Hirte, hat seine Fußtapfen hinterlassen. Von der Krippe bis zum Kreuz hat er sie in den staubigen Sand der Welt gesetzt, damit wir ihnen folgen können. Fußtapfen, die wie im Schnee eine Spur legen. Ihnen folgen wir. In diesen Fußtapfen wollen wir gehen. „Wir gehen in den Fußtapfen Jesu, wenn wir ab und zu einen Schritt zurücktreten. Wenn wir nicht immer Recht haben wollen. Wenn wir nicht nur von uns aus die Dinge sehen. Wenn wir nicht immer auf dem eigenen Standpunkt beharren. Wir gehen in den Fußtapfen Jesu, wenn wir Worte vermeiden, die Öl ins Feuer gießen, die Vorurteile zementieren, und stattdessen das Leiden der Menschen sehen.“

Wir gehen in den Fußtapfen Jesu, wenn wir auch in Krisenzeiten am Glauben festhalten, wenn wir darin unseren Halt und unsere Stärke suchen, wenn wir daraus wie aus einer frischen Quelle schöpfen.

Wir gehen in den Fußtapfen Jesu, wenn wir dabei die Hoffnung und den Optimismus behalten, wenn wir den Mut nicht verlieren, wenn wir zuversichtlich nach vorn schauen und unsere Wege gehen, auch wenn sie manchmal mühsam und steinig sind.

Wir gehen in den Fußtapfen Jesu, wenn wir barmherzig sind und barmherzig miteinander umgehen, wenn wir auch in dieser Ausnahmesituation füreinander da sind, wenn wir gegenseitig Verantwortung tragen, das tun, was uns möglich ist. Auch wenn wir Abstand halten müssen und die persönlichen Kontakte eingeschränkt sind.

Wir gehen in den Fußtapfen Jesu, wenn wir gerade jetzt, inmitten der Coronakrise kleine Lichter anzünden, die Freude, Wärme und Hoffnung ausstrahlen, die einfach ein gutes Gefühl vermitteln. Egal ob es der Anruf oder die Mail ist, die Musik, die von den Kirchtürmen oder anderswo erklingt, die Nachbarschaftshilfe beim Einkaufen, das Nähen von Schutzmasken, das kleine Dankeschön an der Supermarktkasse.

Wir gehen in den Fußtapfen Jesu, wenn wir versuchen geduldig zu sein, wenn wir abwarten und auch verzichten können. Wenn wir besonnen sind und erst einmal vorsichtig kleine Schritte in Richtung Normalität tun. Leicht ist das alles freilich nicht. Manchmal treten wir auch daneben oder verlieren die Spur aus dem Blick.

Doch Gott sei Dank ist der gute Hirte, dessen Spuren wir folgen, auch ganz nah bei uns. Er führt und zeigt uns den richtigen Weg. Er gibt uns das, was wir brauchen. Deshalb wollen wir uns dem guten Hirten, unserem auferstandenen und lebendigen Jesus Christus anvertrauen. Deshalb wollen wir seiner Spur folgen und in seinen Fußtapfen gehen. Deshalb wollen wir seine Hand ergreifen und uns führen lassen. Deshalb suchen wir Zuflucht und Geborgenheit bei ihm. Deshalb wollen wir allein von ihm Hilfe und Stärke erbitten, Hoffnung, Mut und Zuversicht. Mit ihm, unserem guten Hirten, unserem auferstanden und lebendigen Herrn Jesus Christus muss uns auch jetzt in dieser Zeit der Coronapandemie nicht bange sein.

„Ich bin in guten Händen.  Mein Hirte ist der Herr.  Er schenkt mir, was ich brauche  und gibt mir noch viel mehr.  Zum frischen Wasser führt er mich,  lässt mich dort Ruhe finden,  versorgt mich väterlich.  Geht meine Kraft zu Ende, dann richtet er mich auf.  Gibt neuen Mut und führt mich den Weg zum Ziel hinauf. Bei mir stets und überall, weicht nie von meiner Seite, Auch nicht im dunklen Tal.  Ich muss mich nicht mehr fürchten,  er lässt mich nie im Stich.  Er ist ein guter Hirte,  beschützt und tröstet mich.  Er setzt das Letzte für mich ein,  sogar sein eignes Leben.  Ich muss ihm wertvoll sein. Er lädt mich ein zu rasten  und deckt mir selbst den Tisch.  Schenkt ein aus vollen Händen,  ich fühl mich wieder frisch.  Weil ich bei ihm geborgen bin,  genieß ich seine Liebe  bis an mein Ende hin.“

(Text von Christoph Zehender; Melodie nach EG 295)

So wünsche ich Ihnen und Euch immer wieder viele gute, stärkende und bereichernde Erfahrungen mit Jesus Christus, unserem guten Hirten. Bleiben Sie alle behütet, gesund und gesegnet.

Es grüßt Sie und Euch herzlich

 

Pfr. Michael Goll

Die auf den HERRN harren, kriegen neue Kraft,   dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler.

Jesaja 40,31

 

Gedanken zum ersten Sonntag in der österlichen Freudenzeit (Quasimodogeniti, 19.4.2020)

Das Osterfest liegt hinter uns. Ein Fest, wie wir es so noch nicht erlebt haben, ganz anders, ganz ungewohnt. Einige haben sich aufgemacht und sind in unsere Kirchen gekommen, um das Osterlicht abzuholen. Mancher hat sich dabei in die Bank gesetzt, ein Gebet gesprochen oder einfach nur einen Moment der Stille gehalten. Vielen tat es richtig gut, wieder einmal die besondere Atmosphäre, die Nähe Gottes, die Heiligkeit in diesen Mauern zu spüren. Eine kleine Stärkung und Ermutigung, die wir gerade in diesen Tagen so brauchen, ein Hoffnungsschimmer. In Hammerbrücke waren vor der Kirche Osterlieder zu hören, gespielt von zwei Bläsern aus Erlbach. Die Orgel erklang in Tannenbergsthal.

Ja, wir vermissen die Gottesdienste und Gemeindeveranstaltungen. Wir sehnen uns danach, endlich wieder gemeinsam zu singen, zu beten und die heilige Eucharistie zu feiern, endlich wieder mit den Schwestern und Brüdern Gemeinschaft zu haben. Doch darauf werden wir leider wohl noch etwas warten müssen. Die derzeit geltenden Kontaktbeschränkungen und auch das Versammlungsverbot werden vorerst bis zum 3. Mai aufrechterhalten.

Zwar sind ab Montag wieder Gottesdienste erlaubt, allerdings mit einer maximalen Anzahl von 15 Personen. Wie das im Einzelnen geregelt werden soll, dazu warten wir auf die Hinweise des Landeskirchenamtes. Wir werden über die aktuellen Entwicklungen zeitnah informieren.

Bis dahin bleibt es dabei, dass in unseren Kirchen vorerst keine Gottesdienste stattfinden. Da außerdem bis Ende August große Veranstaltungen nicht stattfinden dürfen, wird in diesem Jahr die Jubelkonfirmation, die Waldgottesdienste und auch die Seniorenrüstzeit ausfallen müssen.

Das ist sehr schade. Und darüber sind wir auch sehr traurig. Aber wir wollen uns an die gesetzlichen Vorgaben halten, weil wir als Christen füreinander Verantwortung tragen, weil bei uns die Nächstenliebe wichtig ist. Deshalb schränken wir uns ein. Deshalb verzichten wir bis auf weiteres auf große Gottesdienste, Veranstaltungen, Gemeindekreise und auch auf Geburtstagsbesuche. Und so wird es vorerst auch weiterhin für die Sonntage eine geschriebene Andacht geben. In dieser Woche kommt sie mal nicht von Pfarrer Goll, sondern von Diakon Hendrik Prüfer.

„Ich heb ab, nichts hält mich am Boden“, so erschallte es vor einigen Jahren aus dem Radio. Einige Jahre zuvor war es „Über den Wolken, muss die Freiheit wohl grenzenlos sein“. Trotz ihrer Unterschiedlichkeit haben beide Lieder etwas gemeinsam: sie besingen die Sehnsucht nach Ferne und Weitblick und das Zurücklassen unserer irdischen Sorgen und Probleme. Wäre das nicht schön? Der Traum vom Abheben und Fliegen ist so alt wie die Menschheit selbst, und wurde erst im letzten Jahrhundert Realität. Viele Millionen Menschen heben jährlich zu Arbeits- oder Urlaubszwecken ab und lassen unter sich große Bauwerke zu „Spielzeughäusern“ werden. Inzwischen können Astronauten unsere Erde als „kleinen“ zerbrechlichen  Planeten aus der Ferne des Weltalls beobachten.

Im krassen Kontrast erleben wir da unsere jetzige Situation. Die meisten Flugzeuge müssen am Boden bleiben, selbst Spaziergänge bleiben auf das eigene Umfeld oder das unbedingt Notwendige beschränkt. Zwangsweise sind wir auf uns und unsere eigenen vier Wände begrenzt. Und schon nach kurzer Zeit macht sich der Ruf und die Sehnsucht nach dem Ende dieses Zustandes breit. Wir sehnen uns nach Weite, nach Gemeinschaft, nach direktem Austausch, nach Unternehmungen – nach Freiheit.

Wie oft ist die Sehnsucht gerade nach den Dingen besonders groß, die gerade nicht möglich sind. Einer der größten Wünsche zur Wendezeit war, einfach raus zu können, die weite Welt bereisen. Nach 30 Jahren alles normal und selbstverständlich geworden. Ja, viele dachten nun alles in der Hand zu haben, und werden jetzt eines Besseren belehrt. Auch wirtschaftliche Kraft, wissenschaftlicher und medizinischer Fortschritt sind begrenzt!

Ich würde mir wünschen, dass wir künftig mehr schätzen, was wir haben und dankbar die Selbstverständlichkeiten unseres Lebens annehmen: die Schönheit der Schöpfung, unser Miteinander, unsere Möglichkeiten der Bildung und gemeinschaftliche Veranstaltungen – auch in unseren Kirchen. Doch das ist jetzt noch Zukunft. Was hilft uns jetzt in unserer Situation? Unser heutiger Predigttext aus Jesaja 40, 26-31 kann uns dabei helfen:

„Hebt eure Augen in die Höhe und seht! Wer hat dies geschaffen? Er führt ihr Heer vollzählig heraus und ruft sie alle mit Namen; seine Macht und starke Kraft ist so groß, dass nicht eins von ihnen fehlt. Warum sprichst du denn, Jakob, und du, Israel, sagst: »Mein Weg ist dem HERRN verborgen, und mein Recht geht vor meinem Gott vorüber«? Weißt du nicht? Hast du nicht gehört? Der HERR, der ewige Gott, der die Enden der Erde geschaffen hat, wird nicht müde noch matt, sein Verstand ist unausforschlich. Er gibt dem Müden Kraft, und Stärke genug dem Unvermögenden. Jünglinge werden müde und matt, und Männer straucheln und fallen; aber die auf den HERRN harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler, dass sie laufen und nicht matt werden, dass sie wandeln und nicht müde werden.“

Auch hier werden wir eingeladen, abzuheben – wie ein Adler. Und das hat seinen Grund. Oft sehen wir nur, was unmittelbar vor uns liegt. Gerade jetzt, angesichts von immer weiter steigenden Zahlen von Infizierten und Toten bei uns in Deutschland und erst recht weltweit, aber auch anderen Sorgen und Problemen lassen Einen fast verzweifeln und eher den Mut verlieren. Not und Elend der Kriegsschauplätze geraten momentan fast in Vergessenheit, schon lange fragt kaum noch Jemand nach dem Hunger in der Welt.

Und dann sind da auch noch ganz individuelle Schicksale des Einzelnen: gefährdeter Schulabschluss, Krankheit, Verlust eines lieben Menschen, Streit in der Familie und vieles mehr. Nicht selten bleibt man dann nicht nur äußerlich in seiner kleinen Welt voller Probleme gefangen, ohne einen Ausweg zu sehen.

Und Gott?

Schläft er und überlässt uns unserer Situation? So lautet die Anfrage Israels, die damals als Gefangene in Babylonien leben mussten – ohne Aussicht jemals wieder gemeinsam einen Gottesdienst im Tempel feiern zu können. Vielleicht fragen auch wir manchmal so. Wie gut würde es da tun, einmal abzuheben und weiter schauen zu können – wir kennen das vielleicht auch von einem Aussichtsturm oder hohen Berg. Der kleine begrenzte Horizont könnte erweitert und ein Licht oder gar das Ziel schon erkannt werden. Auch der Sinn so manchen beschwerlichen Weges könnte sich leichter erschließen. Man bekäme neue Motivation zum Weitergehen, neue Kraft zur Bewältigung der vor einem liegenden Probleme und Aufgaben.

Und genau diese Horizonterweiterung bietet uns heute unser Text. Hebt eure Augen in die Höhe und seht! Lasst euren Blick nicht von Schwierigkeiten in den Bann nehmen, sondern schaut nach oben: auf Gott. Nein, Gott schläft nicht, er ist nicht einmal müde, im Gegenteil. Er begleitet einen jeden von  uns und verspricht Kraft und Stärkung – gerade jetzt in deiner Situation. Gott ist doch der Schöpfer aller Dinge. Er ist es, der wirklich alles in der Hand hält. Wir haben vor einer Woche Ostern gefeiert. Die Jünger und Freunde Jesu haben genau das erfahren. Sie hatten all ihre Hoffnung auf Jesus gesetzt, der Triumph schien beim Einzug in Jerusalem schon greifbar nahe. Und dann der Shutdown! Alles zu Ende, alles vorbei, alle Hoffnung zerstört, tot – grausam am Kreuz. Und es kam die bohrende Frage: Wie soll es denn weitergehen? Sie wussten es nicht. Manche gingen mutlos weg, andere schlossen sich in die eigenen vier Wände ein, sie vernagelten sogar Fenster und Türen. Es war ausweglos. Und zugleich kam die Angst, dasselbe Schicksal wie Jesus zu erleiden.

Genau in diese Situation kommt Jesus zu ihnen. Er ist plötzlich mitten in ihrem Raum. Keine Mauer, weder aus Beton, noch in ihren und unseren Köpfen, kann ihn aufhalten. Gott hat in Jesus den Horizont unseres menschlichen Denkens und unserer Möglichkeiten durchbrochen. Selbst die Grenze des Lebens, der Tod, war für ihn kein Hindernis. Er ist auferstanden. Er ist wahrhaftig auferstanden! Das Ende wird zum Anfang, neues Leben bricht sich Bahn. Quasimodogeniti = „wie neu geboren“ heißt nicht umsonst der heutige Sonntag.

Friede sei mit euch! So grüßt Jesus seine Jünger. Ja, er ist es wirklich. Sie haben den Auferstandenen gesehen. Und das bewirkt in ihnen eine neue Kehrtwende. Sie sind wie neu geboren. Sie werden mit neuer Kraft hinausgehen – bis an das Ende der Welt. Und sie werden allen Menschen die Frohe Botschaft von Jesus Christus, dem Auferstandenen weitersagen. Und so erreicht sie heute auch uns. Und wir sind eingeladen, daran zu glauben und aus diesem Glauben neue Kraft und neuen Mut für unseren Alltag, für unsere derzeitige Situation zu schöpfen. Mit dem Ausblick, dass er für jeden von uns ein gutes Ziel hat und selbst schwere Streckenabschnitte „von oben betrachtet“ nur eine kurze Momentaufnahme sind wie es Paulus sagt, dürfen wir in österlicher Freude unseren Weg weitergehen in der Gewissheit, dass Gott nicht müde, sondern hellwach an unserer Seite ist und uns trägt, hier und jetzt und bis in alle Ewigkeit. 

Diese Erfahrung, dazu Gottes Segen und Bewahrung in der neuen Woche wünscht Euch und Ihnen

Diakon Hendrik Prüfer

Herzliche Grüße, bleiben Sie alle behütet, gesund und gesegnet

 

„Es wird gesät verweslich und wird auferstehen unverweslich.“
(1Kor 15,42)

Liebe Leserinnen und Leser,
Worte der Bibel sprechen in unseren Alltag hinein. Sie holen uns zugleich aus unserem Alltag heraus. Besonders an den Schwellen des Lebens lassen sie uns innehalten. Ein Moment des Aufatmens, dem Alltag entzogen, ein Moment der unmittelbaren Gegenwart Gottes.
Ein Bibelvers, der uns zur Taufe zugeeignet wird, begleitet uns ein ganzes Leben. Er verstetigt damit den Zuspruch, der uns auf der Schwelle gegeben wurde.

Gedanken zum fünften Fastensonntag (Sonntag Judika, 29.3.2020)

Liebe Mitglieder unserer Kirchgemeinde, liebe Schwestern und Brüder im Herrn,

liebe Freunde nah und fern!

Mit dieser kleinen Andacht möchte ich Euch wieder einen ganz herzlichen Gruß ins Haus schicken.

Die Passionszeit, die wir in diesem Jahr wohl alle viel bewusster wahrnehmen und viel tiefer erleben als sonst, geht ihrem Ende entgegen. Wir stehen in der fünften Woche, haben gestern den Sonntag Judika gefeiert. Judika, das ist lateinisch und bedeutet übersetzt „Schaffe mir Recht“. Das hat Christus für uns getan. Er hat uns Recht verschafft, vor Gott gerecht gemacht, draußen vor dem Tor, am Kreuz, auf dem Todeshügel Golgatha.

Davon erzählt auch ein Bibeltext aus dem Hebräerbrief: „Jesus hat damit er das Volk heilige durch sein eigenes Blut, gelitten draußen vor dem Tor. So lasst uns nun zu ihm hinausgehen vor das Lager und seine Schmach tragen. Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.“ Jesus Christus ist zu uns auf die Erde gekommen, geboren in einem Stall. Konsequent ging er seinen Weg. Er lebte unter ganz normalen Menschen, sammelte eine Schar Jünger um sich und hatte oft Gemeinschaft mit denen, die draußen waren, mit den Ausgestoßenen, den am Rande Lebenden, den Armen, Kranken und Einsamen. Dabei überschritt er auch Grenzen, hinterfragte fest gefahrene Tradition, setzte sich um der Menschen willen auch über Ordnungen hinweg. Oft widersprach er den Mächtigen und religiösen Führern, redete ihnen ins Gewissen. Konsequent ging Jesus seinen Weg. Er brachte den Menschen Gottes frohe und befreiende Botschaft mit. Die Botschaft einer grenzenlose Liebe und Barmherzigkeit.

Alle Menschen sind von Gott geliebt. Jeder ist eingeladen und darf zu ihm kommen. Keiner muss draußen bleiben. Das hat Jesus in seiner Verkündigung immer wieder betont, mit seinen Wundern, seinen Taten und Heilungen auch gezeigt. Doch all das stieß nicht überall auf Gegenliebe. Jesus fand nicht nur offene Ohren und Herzen. Sein Verhalten störte manchen. Seine Reden wirkten beunruhigend. Er erlebte Enttäuschung und Ablehnung, ja sogar Hass und Feindschaft. Doch er ließ sich dadurch nicht entmutigen. Konsequent ging Jesus seinen Weg, bis zum bitteren und grausamen Ende. Draußen vor dem Tor, da stand sein Kreuz. Dort auf dem Todeshügel Golgatha starb Christus für uns Menschen, auch für sich und für mich.  Er starb, damit wir frei werden von Schuld und Sünde, damit wir Rettung und Erlösung finden, damit wir heil werden an Leib und Seele. So machte Christus uns gerecht. So versöhnte er uns mit Gott.   

Golgatha, draußen vor dem Tor: ein Ort des Todes und des Grauens, der Gewalt, der Schmerzen und der Schreie, der Einsamkeit, der Angst und der Verlassenheit. Solche Todesorte gibt es viele auf unserer Welt. Da sind die Kriegschauplätze in Syrien und Jemen, die immer wieder von Dürrekatastrophen und anderen Plagen heimgesuchten Regionen Afrikas, die Leidenden in den Folterkellern und Todeslagern. Doch momentan tritt  all das in den Hintergrund.

Derzeit scheint es, als läge die ganze Welt unter einer solch lähmenden Todesglocke namens Corona. Das Leben steht still. Schulen, Kindergärten, Gaststätten, Läden, kulturelle Einrichtungen und Sportstätten sind geschlossen. Es gibt Ausgangsbeschränkungen. Die Sozialkontakte sind stark eingeschränkt. Auch das kirchliche Leben muss derzeit Pause machen. Gottesdienste können momentan keine mehr stattfinden, auch nicht in der Karwoche und zu Ostern. Das schmerzt uns, tut uns weh. Ängste und Sorgen beunruhigen uns. Bange Fragen gehen uns durch den Kopf. Unsicher schauen wir in Richtung Zukunft. Noch immer steigen die Zahlen der Infizierten, auch derer, die daran sterben.

Mancher stellt sich vielleicht gerade jetzt wieder die Frage: Wo ist Gott? Warum lässt er das alles zu? Warum tut er nichts? Ganz ähnlich haben übrigens auch die Jünger gefragt, als sie auf dem See Genezareth in einen heftigen Sturm gerieten und Jesus seelenruhig im hinteren Teil des Bootes schlief: „Meister, kümmert es dich nicht, dass wir zugrunde gehen?“

Wenn wir aber auf den Hebräerbrief schauen, ahnen wir die Antwort. Jesus ist da, mitten im Sturm auf dem See Genezareth. Er ist bei seinen Jüngern, steht ihnen helfend zur Seite. Der Sturm legt sich. Das Meer wird wieder ruhig. So ist auch Gott da, mitten in den Stürmen unserer Zeit und unseres Lebens. Er ist draußen vor dem Tor, mittendrin in dieser Welt, mittendrin in all dem Dunkel und der Not, mittendrin in der gegenwärtigen Krise der Coronapandemie. Gott ist gerade jetzt ganz nah bei uns. Er ist bei denen, die sich Sorgen machen, die Angst haben, die verunsichert und düster in die Zukunft schauen. Er ist bei denen, die Zuversicht ausstrahlen, die anderen Mut machen und Hoffnung wecken, die ein gutes Wort weitergeben und andere aufrichten. Er ist bei denen, die in den Laboren arbeiten, bei denen die nach einem Impfstoff und Medikamenten forschen. Er ist bei denen, die sich aufopfern und einsetzen, besonders auch in den Krankenhäusern, den Alten- und Pflegeheimen. Er ist bei denen, die Verantwortung tragen und täglich neue Entscheidungen treffen müssen. Er ist auch bei denen, die mit ihren Kräften am Ende sind. Er ist bei den Einsamen und Verlassenen, bei den Kranken und Sterbenden. Gott ist bei denen, die ihre Hände falten und beten.

Ja, Gott ist da, draußen vor dem Tor, mittendrin in dieser Welt. Es gibt keinen gottverlassenen Ort, nicht auf dieser Welt, nicht in unserem Leben, nicht in dieser Zeit! Doch seine Macht, seine Kraft und Stärke, seine Nähe zeigt sich eben meist in der Stille. Und gerade das macht es uns Menschen oft so schwer. Ja, Gott ist da, draußen vor dem Tor, mittendrin in dieser Welt, mittendrin in unserem Leben, mittendrin in den Krisen und Ausnahmesituationen, in all dem Dunklen und Schweren, in all der Not. Er ist mittendrin im Leid. Gott lässt niemanden allein. Doch das erkennt man eben oft nicht mit den Augen. Das steht nicht sichtbar vor uns. Darüber berichten keine Nachrichten. Es ist eine Erfahrung, die man nur im Glauben und im Vertrauen macht. Ganz viele Menschen haben es schon erlebt und mancher von uns sicher auch: Gott ist da, ganz nah bei uns. Er leidet mit, lässt niemanden allein, der um Hilfe und Erbarmen fleht. Der Blick auf das Kreuz kann uns helfen und dessen gewiss machen. Christus ist dem Leid und dem Tod nicht ausgewichen. Er hat beides auf sich genommen. Christus ist in die tiefste Tiefe hinab gestiegen um uns in den eigenen Tiefen nahe zu sein.

Vielleicht hilft uns in besonderen Nöten, in Zeiten von Krisen, Anfechtungen, Ängsten und Unsicherheiten aber auch die Erinnerung an die eigene Taufe. So wie es schon Martin Luther praktiziert hat. „Ich bin getauft!“ Das steht unumstößlich fest. Niemand macht mir das streitig. Nichts kann mich davon trennen. Warum ist die Erinnerung an die Taufe so wichtig? In schweren Zeiten, wie wir sie momentan erleben, ist dreierlei besonders schlimm:

Da ist die Einsamkeit, die uns befällt.

Hinzu kommt die Angst um das eigene Leben und das der Nächsten.

Die Angst vor dem, was noch kommen kann.

Schließlich das Gefühl, dass ich nichts tun kann, dass scheinbar nichts mehr in meiner Hand liegt, dass ich so machtlos, so hilflos bin.

Genau dann ist die Erinnerung an die Taufe so unendlich wichtig und wertvoll, so unheimlich hilfreich.

Die Taufe sagt mir: Ich bin ganz fest mit Gott verbunden. Er hat Ja zu mir gesagt und sagt es immer wieder. Ich darf sein Kind sein, finde bei ihm Zuflucht, Ruhe, Geborgenheit und Frieden. Er hält mich fest, lässt mich nicht allein. Er tröstet und stärkt mich, schenkt mir neuen Mut und neue Hoffnung, richtet mich immer wieder auf. er begleitet mich auf allen Wegen, ist mir zu allen Zeiten und in jeder Situation nahe. Schützend und segnend ist seine Hand über mir. Und durch das Gebet gibt es zwischen Gott und mir eine ganze enge Verbindung. Wo die Angst mich überfällt, wo ich sorgenvoll nach vorn schaue, darf ich mich an meinen himmlischen Vater wenden, mit ihm im Gebet reden, zu ihm flehen. Ich darf beten für meine Mitmenschen, für diese Welt, für mich selber. Und auch wenn ich meine nichts mehr tun zu können, kann ich dennoch meine Hände falten und Gott bitten, dass er mir den richtigen Weg weißt, dass er mir zeigt, was noch möglich ist. Auch Jesus hat es genauso getan. Lassen wir uns dazu immer wieder einladen.

Der Hebräerbrief gibt uns aber noch etwas mit auf den Weg: „So lasst uns nun zu ihm hinausgehen vor das Lager und seine Schmach tragen. Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.“ Hier geht es um die Nachfolge, die immer auch Kreuzesnachfolge bedeutet. Wenn wir in diesen Tagen an den Leidensweg Jesu denken, dann gehen auch wir mit nach draußen, an den Ort der Schmach, des Leidens und des Todes. In einer Auslegung zum Bibeltext heißt es: „Draußen vor der Tür stehen wir bei Christus, da stehen wir bei den Armen, den Leidtragenden, den Einsamen, den Alten und Kranken und Schwachen.“

Auch jetzt in dieser Zeit können wir bei denen draußen sein. Wir können für ältere Menschen Einkäufe erledigen, miteinander telefonieren, Karten, Briefe oder Mails schreiben, der Verkäuferin an der Supermarktkasse einfach mal Danke sagen oder jemand ein kleines Lächeln schenken. Wir können um der Schwächeren willen auch mal verzichten und zurückstecken. Und, ganz wichtig, wir können füreinander beten. Ja, wir alle können viel tun für die, die „draußen“ sind, je nach unserer eigenen Begabung und Kraft, gerade auch jetzt in diesen so notvollen Tagen und Wochen. Als Christen haben wir einen Auftrag und der heißt Nachfolge. Mit Blick auf Jesus leben und Gutes tun!

Deshalb gehen wir mit Christus raus aus unseren Mauern und Grenzen. Draußen vor der Tür ist unser Platz. Dort werden wir Menschen finden, die unsere Zuwendung und unsere Hilfe brauchen. Und dort werden wir auch Christus finden, der uns allen Recht schafft und die Welt versöhnt. Solange wir hier auf der Erde unterwegs sind, dürfen wir dieses so wundervolle und manchmal auch so schwere und mühsame Leben voll ausschöpfen und unseren Teil dazu beitragen, dass auch andere leben können und nicht draußen vor dem Tor bleiben müssen. Unser Leben ist Geschenk und Auftrag zugleich.

Gott traut uns viel zu. Nutzen wir unsere Möglichkeiten. Vielleicht hilft uns ja diese Krisenzeit der Coronapandemie, dass wir wieder aufmerksamer füreinander werden, dass die gegenseitige Solidarität wieder stärker in den Mittelpunkt rückt, dass wir uns wieder auf das Wichtige und Wesentliche besinnen, vielleicht auch im Bezug auf unseren Glauben. Und hoffentlich behalten wir es auch danach, wenn diese notvolle Zeit zu Ende sein wird, bei.

Das wünsche ich mir selber und uns allen. Stehen wir einander bei mit dem, was in unseren Kräften und Begabungen liegt, auch wenn wir momentan räumlich voneinander getrennt sind. Bleiben wir in allem zuversichtlich und hoffnungsvoll. Vertrauen wir auf Gottes Hilfe und seinen Beistand. Wir sind nicht allein, nicht allein gelassen, nicht verlassen. 

So wünsche ich Ihnen und Euch eine behütetet und gesegnete fünfte Passionswoche. Bleibt gesund und Gott befohlen, bis wir wieder voneinander hören.

Seid herzlich gegrüßt   

Ihr/ Euer Pfr. Michael Goll

Angemerkt: Wir wollen gerade jetzt in der dunklen und notvollen Zeit der Coronapandemie Hoffnungszeichen setzen und leuchten lassen. Deshalb möchte ich Euch ermutigen und einladen: Stellt einen Schwibbogen ins Fenster! So wie die Bergleute ihre Sehnsucht nach dem Licht zum Ausdruck brachten, so wollen auch wir es tun. Bringt unsere Orte zum Leuchten! Lasst ein Licht der Hoffnung hinaus in die Dunkelheit strahlen! So zeigen wir, dass wir nicht resignieren, sondern zuversichtlich und hoffnungsvoll nach vorn schauen.

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